Ewigkeit – Theologische Werkstatt am 5.5.2012

Vergangenen Samstag wieder Theologische Werkstatt in Rheinfelden, nun schon die vierte.

Da ich verschiedentlich nach dem Manuskript meines Beitrags Ewigkeit – Dabeisein ist alles gefragt wurde, stelle ich es gern zum Download bereit. Es findet sich hier.

Der Betrag ist zu einer kleinen Reise von Kants Erkenntnistheorie über seine Postulate der praktischen Vernunft zu einem Ansatz für einen post-postmodernen, christlichen Existenzialismus geworden – wenn ich auf die letzten Monate zurückblicke, durchaus zu meiner eigenen Überraschung. Ursprünglich sollte in den Text noch ein kurzer Besuch in Scherblingen bei Prof. Augustin Feinlein und Anton P. Schlugen hinein, fand dort aber keinen Platz mehr. Glücklicherweise kann ich stattdessen nachdrücklich die Lektüre von Martin Walsers Muttersohn empfehlen; sie entstammen ja diesem Roman …

Colonia eternissima 1

Selbstverständlich lässt sich das Adjektiv ewig – eigentlich! – nicht steigern. Andererseits ist man in Köln bekanntlich päpstlicher als der Papst – in mancher Hinsicht … – Obwohl doch auch dieses Akjektiv unsteigerbar ist. Item muss auch Köln das ewige Rom – Roma eterna – in dieser spezifischen Eigenschaft übertreffen. Es geht also doch nicht anders: Colonia eternissima …

Daher denn auch ein Besuch in Köln für manche Menschen zu den lebensrettenden Massnahmen gegen akute oder chronische Exilitis gehört. Unter diesen hat wiederum ein Besuch in der Kölner Philharmonie besonders starke und schnelle revitalisierende Wirkungen. Gelegentlich muss ich von Freunden und Kollegen, denen ich von diesem wunderbaren, heilkräftigen Raum – vor allem wenn darin Musik ertönt – vorschwärme, allerlei Vergleiche mit allerlei anderen Sälen und Räumen mit ähnlichem Verwendungszweck anhören. Aber – eben! Der Kenner weiss und schweigt.

Da nun ein Bild mehr sagt als tausend Worte, hier lieber ein Bild, statt weiterer Erörterungen …

Die Kölner Philharmonie

Die Kölner Philharmonie, Panorama

Gestern – Stehplatzkarte, dann erst der Blick aufs Programm. Natürlich musste ich nicht stehen! – Philip Glass, Bernstein, Steve Reich, John Adams …

Zu Florians erstem Besuch in der Philharmonie kam es so: Vater (damals noch jünger) und Sohn (damals 12) allein zuhause, es ist abends sechs Uhr. Papa (schon damals bekennender Spontanphilharmoniegänger): Was machen wir denn heute Abend? Spielen, fernsehen oder in die Philharmonie gehen? – Sohn: Was gibts denn da? – Papa: Musik von Stockhausen. – Sohn: Ist das schön? – Papa, zögernd: Nnnein, eigentlich nicht … – Sohn: Und warum sollen wir dann hingehen? – Papa: Es ist was ganz Besonderes. – Sohn: Hmm. – Papa: Ausserdem, wenn wir heute hier bleiben, wissen wir beide in drei Wochen nicht mehr, was wir gemacht haben. Aber wenn wir zusammen einen Abend lang Musik von Stockhausen anhören, werden wir uns das ganze Leben daran erinnern. – Sohn, ohne Zögern: Dann los!

Schön war es dann irgendwie doch. Und vergessen haben wir es auch nie wieder. – Allerdings hätte ich nicht geglaubt, dass es in Köln damals noch so viele lebende Existentialisten mit schwarzem Rollkragenpulli und runder Nickelbrille gab.

Und mit unseren Stehplatzkarten haben wir in der siebten Reihe, glaube ich, gesessen. So viele Zuhörer gab es ja dann auch wieder nicht …

Frankfurts Goethe

Goethe ist aus Frankfurt geflohen, kam selten und ungern zurück, mied es.

Das hat ihm nichts genützt – die Frankfurter haben ihn nicht gehen lassen: Goethehaus, Goethemuseum, Tischbein-Portrait im Städelmuseum … Sie haben ihn für lange, wenn nicht für immer, in Frankfurt festgehalten.

Im Städelmuseum findet man ihn, gemalt von Tischbein: “Goethe in der römischen Campagna”. Natürlich ist die Wiedergabe des Bildes bei wikipedia technisch gelungener, aber da dieses Bild einer meiner Gründe war, endlich einmal Frankfurt zu besuchen, hier also mein eigener Versuch, ihn von dort mit zu nehmen:

Goethe in der römischen Campagna

Goethe in der römischen Campagna

Auf den zweiten Blick sieht man Goethes körperliche Behinderung: Er hat nicht nur zwei linke Füsse, der linke Oberschenkel ist – auch wenn unter dem faltenreichen Gewand verdeckt – deutlich länger als der rechte. Im Gehen wird er so beträchtliche Mühe aufgewendet haben, einem stetigen Rechtsdrall entgegen zu steuern …

Im Goethe-Museum dann ein Bild, das ihn mit ungefäht siebzig Jahren zeigt, wohl angelehnt an das Gemälde von J.K. Stieler:

Der siebzigjährige Goethe

Der siebzigjährige Goethe

Seine grossen, lebendigen und ausdrucksvollen Augen wurden von Zeitgenossen oft beschrieben – auf diesem Bild erkennt man ihre Wirkung.

Können wir uns Goethe anders vorstellen denn als Autor des “Werther”? – Und Werther ohne Lotte? – Darum darf hier der Scherenschnitt von Charlotte Buff, zu sehen im Goethehaus, nicht fehlen …

Scherenschnitt der Charlotte Buff

Scherenschnitt der Charlotte Buff

Frankfurt – eine Stadt will hoch hinaus

Für den richtigen Blick bedarf es oft der richtigen Perspektive. Die bietet sich nicht selten – von oben. – Also hinauf auf den Main Tower, zum Glück bei Sonnenschein. Hier der Rundblick aus 200 Meter Höhe über die Stadt (Achtung – beim Klick auf das Bild öffnet sich eine 13 MB grosse Datei …):

Panoramablick über Frankfurt a.M.

Panoramablick über Frankfurt a.M.

(Wenn sich nach dem Laden nur ein schmaler Bildstreifen auf dem Bildschirm zeigt, einfach nochmals auf diesen klicken, dann erscheint das ganze Bild, in das man auch noch etwas hineinzoomen kann. – So jedenfalls, wenn ich das Bild aufrufe.)

Frankfurt, die arme Stadt der armen Herzen

Vor einiger Zeit berichtete ich hier von der Lust der Kölner Paare, sich symbolisch der Unverbrüchlichkeit ihrer Treue zu versichern. (Vgl. Colonia sancta 2 )

Nun kürzlich, in Frankfurt, stellte ich fest: Dort, auf dem Eisernen Steg über den Main, versucht man, es den Kölnern gleich zu tun. – Aber: Mit welchem Ergebnis!

Da nun ein Bild bekanntlich mehr sagt als tausend Worte, hier also ein Foto:

Die Treuen Herzen in Frankfurt - ein Versuch ...

Welch ein Kontrast zur Fülle der Treuen Herzen in Köln! Vielleicht dominieren in Frankfurt die dynamisch-erfolgreichen Singles das soziale Miteinander (, das man ja auch als ein Ohne-Einander organisieren kann)? Oder das Jungendstil-Geländer des Eisernen Steges singalisiert: In Frankfurt versteht man sich auf Ästhetik, aber es gibt keine rechten Ankerpunkte, an denen man sein Herz festmachen kann. Es sei denn, man ist bereit es an die Kette zu legen! – Ketten aber sind doch nichts für freie, sich zu einander entscheidende Herzen!

Dabei ist Frankfurt durchaus ein attraktiver Ort – aber vielleicht doch nicht dazu bestimmt, dort sein Herz zu verlieren …

Aber Köln, wie ist das mit Köln? – Nein, man verliert dort nicht sein Herz – es will von dort einfach nicht mehr fort …

Aber wissen wir das nicht schon, seit die Wise Guys ihr Lied über Köln (1999!) gesungen haben:

Aber und andererseits: So wie die Wise Guys den Kölner besingen – eigne ich mich wohl doch nicht zum waschechten Kölner (abgesehn vom Lachen und dem …):

Bücher für Schwimmer und Taucher

Es gibt sie noch: Die Bücher, in denen man lesend baden, schwimmen, tauchen kann … oder auch: abtauchen. Vorübergehend, abends – morgens muss der Leser dann wieder zurück sein, an der Oberfläche des Lebens. Die aber eben nur die Oberfläche ist, auf der er wieder einen Tag zu überqueren hat. (Ja, natürlich gibt es auch andere Tauch- und Bademöglichkeiten – aber eben nicht so leicht für den, dessen Tage lang und uneben sind … )

Die besonderen Tauchbücher sind anders als das gemeine 300-Seiten-Buch, dessen Welt viel zu schnell zu einem Ende kommt. Natürlich kann man es auch mit “Gesammelten Werken” versuchen, aber selbst da muss man von einem Band zum anderen “auftauchen” …

Also:
1. Tauchen für Anfänger:
Martin Walser, Muttersohn. – Das Buch habe ich einmal rasch und – in Teilen – ein zweites Mal langsam gelesen. Man muss vielleicht erst bewusst tief einatmen vor dem Eintauchen in den Raum dieses Buches. Aber dann … -  Doch da es nur 504 Seiten hat, sind ohnehin 2 Durchgänge geboten. Auch für den klareren Blick in Walsers Unter-Wasser- oder Jenseits-der-Wolken-Welt …
2. Tauchen für Fortgeschrittene:
Péter Nádas, Parallelgeschichten. – Vom Umfang her schon ein anderes Kaliber: 1724 Seiten. Nach 200 von ihnen (dort bin ich angelangt), wenn andere Bücher schon in die Zielgerade einlaufen, hat es gerade begonnen. Vielleicht keine Welt – oder sind es nicht vielmehr viele Welten? – in der, in denen man leben möchte, aber doch so, dass durch sie hinzugleiten, zu schauen, zu verstehen, und je den nächsten Ort zu erreichen den Leser nicht loslässt …
3. Tauchen für Ausdauersportler, sorry, -leser:
Eine Suhrkamp-Reihe: Suhrkamp Quarto. – Jeder Band einem der produktiven Autoren des Hauses gewidmet, nur zwei davon mit lediglich 1000 Seiten, sonst 1500 oder mehr, an der Spitze liegt der Band mit den Romanen von Amos Oz mit mehr als 2500 Seiten. – Grosses Format! Aber Dünndruckparpier – also beim Lesen nicht in’s Schwitzen geraten. (Und vielleicht nicht mit Thomas Bernhard (1840 Seiten) oder E. M. Cioran (2085 Seiten) beginnen – es könnte sich leicht als Überdosis herausstellen …)

Von Nicht-, Kaum-, Journal- oder Modelesern werden Schwimm- und Tauchleser oft allerlei merkwürdigen Vermutungen über die Ersatzfunktion des Lesens ausgesetzt.
Wie damit umgehen?

Ein einfaches Experiment vermag hier zu helfen:
Bitten Sie einmal Freunde und Bekannte, den folgenden Satzanfang spontan zu vervollständigen:

“Leben ist _________.”

Eine der häufigeren Antworten lautet: “… äh …”

Geht es aber darum, nach der Ergänzung zu suchen für

“Lesen ist _________.”

kann nur eine Lösung akzeptiert werden: “Leben”.

In diesem Sinne (und auch nur für heute Abend): Leben, äh, lesen Sie wohl!

Bis bald!

Hochtouren – das Leben im Gebirge …

Heute in der Kaffeepause: Eine Kollegin, Liebhaberin der Berge, berichtet, sie nehme sich demnächst eine Auszeit, um einige Hochtouren zu “machen”.

Es fiel mir wie Schuppen von den Augen: Seit Monaten verwirkliche ich anscheinend – ohne es bisher gewusst zu haben – meine verborgene Liebe zu den Bergen: Ich laufe auf HOCHTOUREN!!

Was ich noch sagen wollte, nachdem ich es gelesen habe und (in Teilen) wiederlesen werde: Martin Walser, Muttersohn. – Die Rezensionen zeigen: An dem Buch scheiden sich die Geister – es bleibt der Geist …

Für mehr als Orakel reicht es heute nicht mehr …

(Und an Jojo: Solltest Du wieder faden Wortwitz mit sieben Buchstaben gewittert haben: Ist die Welt nicht der Ort der Lauer der grossen Schlange KA? – Oder so ähnlich …)

Das Geheimnis des Seyns

In den vergangenen Tagen hatte ich das Glück eine “Auszeit” nehmen zu dürfen, ein Geschenk mit der Auflage, seine Verwirklichung nicht auf die lange Bank zu schieben. – So kam ich in ein Berghotel im Schwarzwald, ringsum Schnee, Sonne, blauer Himmel und abends die Sinfonie der Farben:

Eine Abendsymphonie

Eine Abendsinfonie

Im Gepäck war aber nicht nur die Kamera, sondern auch Rüdiger Safranskis Heidegger-Buch “Ein Meister aus Deutschland”. Der Titel ist ein Zitat aus Paul Celans “Todesfuge”. Safranski begleitet den Leser klug und differenziert mit einer Sprache, die die Leselust nie ermüdet, durch Heideggers Leben; ihm gelingt es, dessen Genie und Begrenztheit, seine Grösse und Schwäche, den Mut im Denken und die Mediokrität im Versagen und in seiner nationalsozialistischen Verstrickung zur Sprache zur bringen, ohne das entstehende Bild zu sprengen.

Und die Geschichte der Liebe von Hannah Arendt zu diesem eigenartigen Mann, die sich nie wirklich erfüllt und doch ein Leben lang besteht. Eine eindrucksvolle Frau, die vielleicht Rilke aufgenommen hätte unter seine grossen Liebenden, die in den Duineser Elegien einen so wichtigen Part spielen, denn: “Sollten nicht endlich uns diese ältesten Schmerzen / fruchtbarer werden?” (1. Elegie, 49).

Drei Tage abseits des Getriebes, in der Nähe des Geheimnisses, zweier bewegter Leben, einer grossen, unerfüllten Liebe. Aber kann eine grosse Liebe sich erfüllen? Vergeht nicht in der Erfüllung ihre kreative Kraft, sich hinüber zu spannen aus der Sehnsucht eines privaten Glücks in die Offenheit für alles Lebendige, für eine grössere Welt?

Und Heideggers Suche, nach dem Verlust Gottes – jenseits des verfügbaren Seins, an das wir uns so schnell verlieren, um unsere Endlichkeit und Gefährdung zu vergessen, nach dem Seyn, das uns entgegentritt, wenn wir inne-halten, und uns fordert, sich zu ihm zu ver-halten … Aber die Antworten auf die grossen Rätsel, die den überleben, der sie gedacht hat, sind rar …

Wunderliches nach Weihnachten

Es begab sich aber, dass einstens zwei junge Mathematiker, eine Theologin, ein Curiositologe und zwei Expertinnen für Allgemeinpraktisches beieinander sassen. Alsbald verfielen die Jungmathematiker der Glossolalie und in ihrer Rede erklangen die Idiome des Bachelo-Algebraischen und des Fundamental-Topologischen.

Irgendwann erzählte – sich des Deutschen befleissigend – der ältere Jungemathematiker, einige Kommilitonen hätten in Amerika bei einem mathematischen Emeritus für viel Geld Möbius-Band-förmige Schals und Mützen in Gestalt Kleinscher Flaschen erworben. (Wir glauben nicht, dass der Emeritus selber strickt …) Der Curiositologe unterbrach die Mär mit der Frage, ob es denn möglich sei, Möbius-Schals an einem Stück und ohne Naht zu verfertigen. Daraufhin verfielen die Mathematices stummem Nachdenken, aus dem Lager der allgemeinpraktischen Expertinnen wurden aber alsbald Strick- und Häkelnadeln sowie Wolle in hinreichenden Mengen herbeigeschafft, um die Lösung des Problems praktisch in Angriff nehmen zu können. – Wie gesagt: Keine Naht, kein Zusammenhäkeln!!

Die Damen hatten es alsbald bewiesen: Der nahtlose Möbiusschal ist zumindest häkelbar!

Weitere Recherchen ergaben: Er lässt sich auch stricken! Und zwar bekanntermassen (vgl. die Anleitung unter http://www.youtube.com/watch?v=WoKi0t81JHg ).

Für die Kleinsche Flaschen-Mütze war die Frage der nahtlosen Strickbarkeit – insbesondere angesichts der Selbstdurchdringung dieser Struktur im 3D-Raum – im Rahmen eines südbadischen  Zwischen-den-Jahren-Hocks nicht zu klären, trotz der interessanten, ja potentiell hochkarätigen Besetzung der Hocker-Runde. – Die Kleinsche Flasche ist übrigens auch für Geistes-, insbesondere Literaturwissenschaftler von Interesse – muss doch vermutet werden, dass sie just die Form der Borgesischen “Bibliothek von Babel”  darstellt (vgl. den früheren Beitrag “Weltgrenzen – Grenzwelten” mit dem eingebetteten Essay und den dortigen Literaturangaben).

Für die Neugierigen hier zwei links:
Einen Überblick – allerdings tendenziell kryptisch-mathematisch – bietet, mit dem Hinweis auf das Mützenstricken:
http://de.wikipedia.org/wiki/Kleinsche_Flasche .
Unter den dort genannten links ist ferner der in der letzten Zeile besonders eindrücklich. – Man beachte, dass in einen 4D-Raum die Kleinsche Flasche ohne Selbstdurchdringung darstellbar ist!

http://www.klein-bottle-film.com/

Viel Vergnügen!

Auch ein Jahrestag

Heute vor 85 Jahren starb Rainer Maria Rilke – an Leukämie, deren Symptome ihn schon länger begleiteten, die aber erst wenige Wochen zuvor diagnostiziert worden war.

85 Jahre – die Zeitspanne nur eines Menschenlebens. Und doch: Wieviele Welten scheinen zwischen uns und Rilkes Duineser Elegien und seinen Sonetten an Orpheus zu liegen? – Die Spannung, die sich in seinem letzten Gedicht öffnet, ist ganz anderer Art – die des schwindenden Abstands zum Lebensende, das unter Schmerzen naht.

Dieses Gedicht findet sich in seinem letzten Tagebucheintrag:

Komm du, du letzter, den ich anerkenne,
heilloser Schmerz im leiblichen Geweb:
wie ich im Geiste brannte, sieh, ich brenne
in dir; das Holz hat lange widerstrebt,
der Flamme, die du loderst, zuzustimmen,
nun aber nähr’ ich dich und brenn in dir.
Mein hiesig Mildsein wird in deinem Grimmen
ein Grimm der Hölle nicht von hier.
Ganz rein, ganz planlos frei von Zukunft stieg
ich auf des Leidens wirren Scheiterhaufen,
so sicher nirgend Künftiges zu kaufen
um dieses Herz, darin der Vorrat schwieg.
Bin ich es noch, der da unkenntlich brennt?
Erinnerungen reiß ich nicht herein.
O Leben, Leben: Draußensein.
Und ich in Lohe. Niemand der mich kennt.

R.M. Rilke, Mitte Dez. 1926

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