Es gibt sie noch: Die Bücher, in denen man lesend baden, schwimmen, tauchen kann … oder auch: abtauchen. Vorübergehend, abends – morgens muss der Leser dann wieder zurück sein, an der Oberfläche des Lebens. Die aber eben nur die Oberfläche ist, auf der er wieder einen Tag zu überqueren hat. (Ja, natürlich gibt es auch andere Tauch- und Bademöglichkeiten – aber eben nicht so leicht für den, dessen Tage lang und uneben sind … )
Die besonderen Tauchbücher sind anders als das gemeine 300-Seiten-Buch, dessen Welt viel zu schnell zu einem Ende kommt. Natürlich kann man es auch mit “Gesammelten Werken” versuchen, aber selbst da muss man von einem Band zum anderen “auftauchen” …
Also:
1. Tauchen für Anfänger:
Martin Walser, Muttersohn. – Das Buch habe ich einmal rasch und – in Teilen – ein zweites Mal langsam gelesen. Man muss vielleicht erst bewusst tief einatmen vor dem Eintauchen in den Raum dieses Buches. Aber dann … - Doch da es nur 504 Seiten hat, sind ohnehin 2 Durchgänge geboten. Auch für den klareren Blick in Walsers Unter-Wasser- oder Jenseits-der-Wolken-Welt …
2. Tauchen für Fortgeschrittene:
Péter Nádas, Parallelgeschichten. – Vom Umfang her schon ein anderes Kaliber: 1724 Seiten. Nach 200 von ihnen (dort bin ich angelangt), wenn andere Bücher schon in die Zielgerade einlaufen, hat es gerade begonnen. Vielleicht keine Welt – oder sind es nicht vielmehr viele Welten? – in der, in denen man leben möchte, aber doch so, dass durch sie hinzugleiten, zu schauen, zu verstehen, und je den nächsten Ort zu erreichen den Leser nicht loslässt …
3. Tauchen für Ausdauersportler, sorry, -leser:
Eine Suhrkamp-Reihe: Suhrkamp Quarto. – Jeder Band einem der produktiven Autoren des Hauses gewidmet, nur zwei davon mit lediglich 1000 Seiten, sonst 1500 oder mehr, an der Spitze liegt der Band mit den Romanen von Amos Oz mit mehr als 2500 Seiten. – Grosses Format! Aber Dünndruckparpier – also beim Lesen nicht in’s Schwitzen geraten. (Und vielleicht nicht mit Thomas Bernhard (1840 Seiten) oder E. M. Cioran (2085 Seiten) beginnen – es könnte sich leicht als Überdosis herausstellen …)
Von Nicht-, Kaum-, Journal- oder Modelesern werden Schwimm- und Tauchleser oft allerlei merkwürdigen Vermutungen über die Ersatzfunktion des Lesens ausgesetzt.
Wie damit umgehen?
Ein einfaches Experiment vermag hier zu helfen:
Bitten Sie einmal Freunde und Bekannte, den folgenden Satzanfang spontan zu vervollständigen:
“Leben ist _________.”
Eine der häufigeren Antworten lautet: “… äh …”
Geht es aber darum, nach der Ergänzung zu suchen für
“Lesen ist _________.”
kann nur eine Lösung akzeptiert werden: “Leben”.
In diesem Sinne (und auch nur für heute Abend): Leben, äh, lesen Sie wohl!
Bis bald!